Blog von René König

Ein zweites Leben für die Wissenschaft?

Mittwoch, 07. Januar 2009 von admin

"Tsunami" auf der Insel der NOAA in Second Life

Die Blütezeit der online 3D-Welt Second Life gilt allgemein als vorüber. Nach anfänglicher Euphorie machte sich Ernüchterung breit – die Zahl der Anmeldungen ging zurück und mehr und mehr Unternehmen verabschieden sich aus der virtuellen Welt. Doch was bietet die Plattform für die Wissenschaft? Lässt sie sich gewinnbringend als Medium zur Wissenschaftskommunikation einsetzen, oder kann sie auch in diesem Bereich die Erwartungen nicht erfüllen?

Der Hype um Second Life ist scheinbar auch am Wissenschaftssystem nicht spurlos vorüber gegangen: Hunderte Universitäten sind hier virtuell vertreten, darunter auch so renommierte wie Harvard, Stanford und Princeton. Doch den virtuellen Repräsentationen fehlt häufig ein wesentliches Merkmal ihrer realen Campus-Vorbilder: Leben. Wie so oft in Second Life, findet man die virtuellen Orte meist vollkommen ausgestorben vor – von dem versprochenen „zweiten Leben“ ist wenig zu spüren.

Technische Grenzen

Die rhetorisch geweckten Erwartungen einer zweiten Realität können auch aufgrund technischer Grenzen nicht erfüllt werden. Die bescheidene Grafik ist Dauerthema für Lästereien in Blogs der optisch verwöhnten Gamer-Gemeinde, die sich längst an die weit höheren Grafikstandards virtueller Welten wie „World of Warcraft“ gewöhnt haben. Tatsächlich wirken die Experimente, mit denen in Second Life versucht wird, Wissenschaft der Öffentlichkeit näher zu bringen, dann auch nur theoretisch wirklich beeindruckend. Wenn man etwa liest, dass die US-amerikanische National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) in Second Life Tsunamis simuliert, oder die NASA es jedermann ermöglicht die Mars-Obefläche virtuell zu erkunden, erscheint das zunächst durchaus spektakulär. Doch die Pixelwand, die dann in Second Life dem Avatar entgegenschlägt, ist kaum als Welle zu erkennen (siehe Abbildung oben) und der virtuelle „Mars“ hebt sich durch nicht viel mehr als die braunrote Bodenfarbe vom Rest der NASA-Insel ab. Unklar bleibt dann meist auch der tatsächliche Nutzen solcher Versuche der Wissenschaftspräsentation. Lernen Laien tatsächlich etwas dazu, wenn sie sich ein 3D-Modell eines Nanoteilchens auf der „Nanotechnology Island“ anschauen? Werden solche Angebote überhaupt genutzt?

Kommunikative Möglichkeiten

Und dennoch verweisen viele EnthusiastInnen immer wieder auf das kommunikative Potential der Plattform: WissenschafterInnen können kostensparend und umweltschonend virtuelle Konferenzen abhalten, kollaborativ online an 3D-Objekten arbeiten und im Bereich e-Learning entstehen vollkommen neue Darstellungsmöglichkeiten, die auch bereits durchaus angewendet werden. Dabei wird häufig hervorgehoben, dass Second Life gegenüber den Konkurrenzprodukten den Vorteil einer hohen Verbreitung hat und zudem kostengünstig und technisch relativ unaufwendig ist. Andererseits ergeben sich hieraus auch Nachteile, etwa durch erhebliche Grenzen beim Import von Daten für 3D-Modelle. Welche Möglichkeiten sich bewähren und etablieren, hängt selbstredend nicht nur von der Lösung technischer Probleme ab, sondern auch von ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz. Auch Video-Konferenzen haben das theoretische Potenzial, Meetings in den virtuellen Raum zu verschieben. Dies mag zwar durchaus bisweilen tatsächlich geschehen, von einer Verdrängung realweltlicher Treffen kann jedoch nicht die Rede sein.

Ungewisse Zukunft

Es bleibt abzuwarten, wie sich der Markt virtueller Welten weiter entwickelt. Prognosen lassen sich dabei kaum stellen, denn für Überraschungen wird weiter gesorgt: Sogar Google hat unlängst angekündigt, ihre erst im Sommer mit großen Erwartungen gestartete 3D-Welt „Lively“ bis Jahresende einzustellen. Gleichzeitig sorgt das Projekt „City Space“ aus dem MySpace-Umfeld für Furore: Ein angeblich versehentlich ins Internet geratenes Video der geplanten 3D-Welt zeigt eine spektakuläre, fast fotorealistische Grafik, die in der Blogosphäre einige Aufregung auslöste. Bei aller (positiven wie negativen) Hysterie sollte eines nicht vergessen werden: Virtuelle Welten sind mehr als pubertäre Spielwiesen und zwielichtige Orte für Cybersex. Sie bieten der Wissenschaft potenziell innovative Kommunikationsmöglichkeiten, die auch bereits in meist experimenteller Form verschiedentlich genutzt werden. Unabhängig vom kommerziellen Erfolg virtueller Welten, gilt es, diese als Medium der Wissenschaftskommunikation ernst zu nehmen und weiter im Blick zu behalten.

Weitere Informationen zu Wissenschaft in Second Life finden sich im dazugehörigen Steckbrief, der im Rahmen des Projekts Interactive Science entstanden ist und hier heruntergeladen werden kann: http://epub.oeaw.ac.at/ita/ita-projektberichte/d2-2a52-1.pdf

Aufgrund des hohen Spam-Aufkommes musste die Kommentierungsfunktion leider geschlossen werden.

Seiten

Kategorien

Suchen


RSS-Feeds

Meta

 

WP-Design: Vlad -- Powered by WordPress -- XHTML 1.0