Wissenschaft und Massenmedien dominierten in modernen Gesellschaften lange Zeit das Wirklichkeitsverständnis. Doch davon abweichende Vorstellungen existierten immer auch parallel: Esoterik und Verschwörungstheorien verfügen z. B. über eine nicht minder lange Geschichte, in der sie die dominierenden Weltdeutungen infrage stellten. KreationistInnen oder SkeptikerInnen der globalen Erwärmung stellen neuere – und durchaus populäre – Beispiele für solche alternativen Erklärungen dar. Die begrenzten Publikationsmöglichkeiten sorgten bislang dafür, dass derartigen Deutungen keine größere Bedeutung zukam. Verhilft das Internet mit seinen einfach und kostengünstig zugänglichen Kanälen diesen bisher randständigen Welterklärungen zu neuer Popularität und Relevanz?
Alternative Sichtweisen zu 9/11 weit verbreitet
Repräsentative Umfragen in 17 verschiedenen Ländern offenbarten 2008, dass durchschnittlich nur 46 % der Interviewten islamistischen Terrorismus für die Anschläge des 11. September 2001 verantwortlich machen. In Ägypten glaubt demnach eine Mehrheit von 43 %, Israel stecke hinter den Attacken, während in Deutschland immerhin noch 23 % der Befragten die US-Regierung selbst als Urheber betrachten. Es wäre also falsch anzunehmen, es handele sich bei diesen Sichtweisen um irrationale Minderheitsmeinungen einiger „Verschwörungstheoretiker.“
Während in den etablierten Massenmedien ein weitgehender Konsens darüber herrscht, dass Islamisten die Täter bei diesem Ereignis waren, florieren im World Wide Web abweichende Auslegungen. Transportiert werden sie etwa durch Dokumentationen wie „Loose Change“, der zu den populärsten Filmen im Internet gezählt wird. Darin werden die etablierten Erklärungen zu den Anschlägen systematisch dekonstruiert.
Organisierter Zweifel: Die „9/11-Wahrheitsbewegung“
Sein Produzententeam ist ein Teil der sogenannten „9/11-Wahrheitsbewegung“, die massive Zweifel an der „offiziellen Version“ der Ereignisse hegt. Die Gründe dafür sind vielfältig und kaum überschaubar. Weit verbreitet ist u. a. die These einer Sprengung des World Trade Centers, die darauf hindeute, dass Kräfte aus dem Innern des Landes hier „nachgeholfen“ hätten. Dazu haben sich diverse Gegen-Expertisen zu den bisherigen – nicht von einer Sprengung ausgehenden – wissenschaftlichen Artikeln und Gutachten herausgebildet. So etwa das Journal of 9/11 Studies, welches sich als Fachzeitschrift mit Peer Review ausgibt. Das mag zwar die KollegInnen nicht überzeugen, öffentlich wirksam sind diese abweichenden Erklärungen aber durchaus. Laien dürften ohnehin weder die eine, noch die andere Expertise hinreichend beurteilen können.
Neue Chancen für abweichende Deutungen
Hinzu kommt, dass durch die Hyperlinkstruktur des Internets Wissen nahezu beliebig aus seiner ursprünglichen Publikationsumgebung genommen und in neue Zusammenhänge eingegliedert werden kann. Eine solche Rekontextualisierung wird z. B. von Suchmaschinen wie Google vollzogen: Durch Ranglisten werden hier Ordnungen hergestellt, die nicht zwangsläufig der massenmedialen oder wissenschaftlichen Deutungshoheit entsprechen. Tatsächlich scheint das Spezialwissen, das von alternativen Erklärungen angeboten wird, in einigen Fällen hier dominant zu sein. So verkauft die „9/11-Wahrheitsbewegung“ etwa T-Shirts mit dem Aufruf „Google WTC-7.“ WTC-7 ist ein Gebäude, das neben den Twin Towers am 11. September einstürzte (siehe Abbildung oben) und besonders viel Aufmerksamkeit von den AnhängerInnen abweichender Deutungen erfuhr. Offensichtlich geht man davon aus, dass Google die eigenen Auslegungen besonders hoch in den Ranglisten positioniert.
Einflussnahme und Abwehr bei Wikipedia
Lässt sich aus diesen Beobachtungen nun schließen, dass sich Wissen aus der gesellschaftlichen Peripherie durch das WWW aus seiner Randständigkeit befreien kann und neue Relevanz erhält? Dieser Frage wurde in einer Diplomarbeit nachgegangen, die zu einem Großteil am Wiener Institut für Technikfolgen-Abschätzung entstand. Dazu wurde untersucht, wie in der gleichsam frei zugänglichen wie gesellschaftlich bedeutsamen Online-Enzyklopädie Wikipedia mit diesen abweichenden Deutungen umgegangen wird. Das Ergebnis fällt ambivalent aus: Zwar gelingt es den AnhängerInnen, ihr Wissen in Wikipedia einzubringen, was in einer traditionellen Enzyklopädie wohl kaum möglich gewesen wäre. Jedoch wird es deutlich unter dem Begriff „Verschwörungstheorien“ als fragwürdig gekennzeichnet. Zentrales Argument dabei: die Randständigkeit der Deutungen. Der Vielzahl unterschiedlicher Deutungsmöglichkeiten begegnet man hier also mit einer umso strengeren Konzentration auf gesellschaftlich gut institutionalisierte Wissensautoritäten.
Zunehmend Konflikte zwischen etablierten und abweichenden Deutungen?
Daraus deutet sich an, dass das Netz randständigem Wissen zwar entgegenkommt, dies aber keineswegs unmittelbar zu einer stärkeren Etablierung führt. Dies könnte zu zunehmenden Konflikten zwischen den unterschiedlichen Interpretationen führen, vor allem da das Stigma der Verschwörungstheorien hier nur begrenzt adäquat erscheint. Das Leitmotto der Bewegung ist nicht die Theoriebildung, sondern lautet: „Stelle Fragen, fordere Antworten!“ Das kann im Web 2.0 (nahezu) jede(r) tun, wodurch die etablierten Deutungen fortlaufend in die Defensive geraten und gleichzeitig eine Vielzahl neuer Interpretationsmöglichkeiten entstehen.
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Zwischen der Wissenschaft und der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia herrscht Skepsis: Die einen fürchten, dass unter den Bedingungen egalitärer Wissensproduktion die wissenschaftliche Qualität leide, die anderen kritisieren die elitären Strukturen der akademischen Welt. Dabei sind beide aufeinander angewiesen: Die Enzyklopädie benötigt dringend die Expertise anerkannter Fachleute. Gleichzeitig sorgt die Popularität Wikipedias dafür, dass Einträge zu einem wissenschaftlichen Thema mitunter zum Aushängeschild eines Fachbereichs werden – unabhängig davon, ob sich seine Galionsfiguren daran beteiligt haben. Entsteht hier eine „Zwangsehe“ zwischen dem Wissenschaftssystem und Wikipedia?
„Publish in Wikipedia or perish“? Zur Relevanz Wikipedias für die Wissenschaft
Nature titelte kürzlich „Publish in Wikipedia or perish“. Anlass war die neue Publikationspolitik des Journals RNA Biology, das seine AutorInnen künftig dazu nötigt, Zusammenfassungen ihrer Artikel in Wikipedia zu veröffentlichen. Der Fall zeigt eindrucksvoll, wie sehr die Online-Enzyklopädie inzwischen mit dem Wissenschaftssystem verwoben ist. Und es ist davon auszugehen, dass sich dieser Trend fortsetzen wird. Denn die nächste WissenschafterInnen-Generation scheint wenig Berührungsängste mit Wikipedia zu haben: Eine Umfrage unter deutschen Studierenden aus dem vergangen Jahr offenbarte, dass 80 % von ihnen häufig Artikel aus der Enzyklopädie lesen und ein Gros des Nachwuchses die hier vorgefundenen Informationen als verlässlich einstuft – meist zum Verdruss ihrer Lehrenden, die Wikipedia in der Regel kritischer betrachten als ihre Zöglinge und mitunter das Zitieren der freien Inhalte rigoros untersagen.
Debatten über Qualität
Diese Haltung scheint auch tatsächlich nicht unberechtigt zu sein. Immer wieder macht Wikipedia spektakuläre Negativ-Schlagzeilen, etwa wenn JournalistInnen Fehler aus der Enzyklopädie übernehmen, die dann auf diesem Weg in die etablierte Presse geraten. Solche Fälle sorgen dann dafür, dass die Qualität der Wikipedia und das in diesem Zusammenhang viel zitierte Konzept einer „Weisheit der Vielen“ (Surowiecki) generell hinterfragt werden.
Qualitätssicherungsmaßnahmen statt Anarchie
Dabei ist das Online-Nachschlagewerk weit weniger anarchisch organisiert als es viele erwarten. Den „Wikipedianern“ ist durchaus klar, dass Verfahren der Qualitätssicherung von Nöten sind, um derartige Fälle und den damit verbundenen Imageverlust zu vermeiden. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Maßnahmen, die Missbrauch verhindern und die Qualität steigern sollen: Artikel erscheinen als „ungesichtete Versionen“ bis sie von erfahrenen NutzerInnen geprüft werden, man kollaboriert in Portalen und Redaktionen und zeichnet besonders gelungene Artikel nach einem Review-Prozess als „lesenswert“ oder gar „exzellent“ aus. Gleichzeitig sorgen technische Funktionen wie „Beobachtungslisten“ dafür, dass Änderungen nicht lange unbemerkt bleiben. So kommt es, dass sich Artikel zwar auch ohne Anmeldung erstellen und editieren lassen, diese aber unter Umständen innerhalb weniger Minuten wieder gelöscht bzw. rückgängig gemacht werden.
Konflikte mit dem Wissenschaftssystem
Und dennoch gibt es zwei wesentliche Konflikte zwischen dem System der Wikipedia und dem der Wissenschaft: Erstens erfolgt die Qualitätskontrolle bei traditionellen akademischen Publikationen vor und nicht nach ihrer Veröffentlichung. Zweitens ist die Autorenschaft hier gewöhnlich klar nachvollziehbar. Sie ist gewissermaßen die „Währung“ akademischer Arbeit: Publikationen sorgen für Reputation, Reputation sorgt für ein Vertrauen in Inhalte. Beides ist bei Wikipedia nicht, bzw. nur eingeschränkt gegeben. So bleibt die Qualität der Inhalte von Wikipedia ein Unsicherheitsfaktor und die mangelnde Zurechenbarkeit der Autorenschaft lässt Anreize für WissenschafterInnen schwinden: Warum sollte man sich in Wikipedia beteiligen, wenn man den Beitrag nicht eindeutig für sich verbuchen kann und dieser womöglich noch ungewollt von anderen verändert wird?
Ignorieren zwecklos – Zur Entstehung einer Zwangsehe
Die Antwort dafür liegt auf der Hand: Es ist die Relevanz der Online-Enzyklopädie, die sie sowohl in der Öffentlichkeit als auch teilweise bereits in der Wissenschaft genießt. Sie ist nicht nur das beliebteste Nachschlagewerk im Internet, sondern auch eine der populärsten Webseiten überhaupt – mit entsprechend guten Suchmaschinen-Positionierungen, was diese Tendenz noch verstärkt. Ungeachtet dessen, ob es sich dabei um eine „Weisheit der Vielen“ handelt, oder um „Digitalen Maoismus“ (Lanier), muss man in Wikipedia wohl eine „Macht der Vielen“ erkennen, die sich kaum ignorieren lässt. Somit müssen wohl beide Seiten aufeinander zugehen und strukturelle und psychologische Barrieren abbauen. Denn es scheint, dass die Systeme Wissenschaft und Wikipedia tatsächlich in eine „Zwangsehe“ treten – trotz aller Hindernisse.
Die hier skizzierten Phänomene sind Gegenstand einer Untersuchung des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) zu Wissenschaft in Wikipedia und anderen Projekten der Wikimedia. Hintergrund ist das Projekt Interactive Science, das gefördert durch die VW-Stiftung, neue Formen der Wissenschaftskommunikation und ihre Folgen erforscht. Die Ergebnisse finden sich hier:
http://www.oeaw.ac.at/ita/interactive
Eine Version dieses Textes erschien auch im Rahmen des ITA-Newsletters vom März 2009.
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Die Blütezeit der online 3D-Welt Second Life gilt allgemein als vorüber. Nach anfänglicher Euphorie machte sich Ernüchterung breit – die Zahl der Anmeldungen ging zurück und mehr und mehr Unternehmen verabschieden sich aus der virtuellen Welt. Doch was bietet die Plattform für die Wissenschaft? Lässt sie sich gewinnbringend als Medium zur Wissenschaftskommunikation einsetzen, oder kann sie auch in diesem Bereich die Erwartungen nicht erfüllen?
Der Hype um Second Life ist scheinbar auch am Wissenschaftssystem nicht spurlos vorüber gegangen: Hunderte Universitäten sind hier virtuell vertreten, darunter auch so renommierte wie Harvard, Stanford und Princeton. Doch den virtuellen Repräsentationen fehlt häufig ein wesentliches Merkmal ihrer realen Campus-Vorbilder: Leben. Wie so oft in Second Life, findet man die virtuellen Orte meist vollkommen ausgestorben vor – von dem versprochenen „zweiten Leben“ ist wenig zu spüren.
Technische Grenzen
Die rhetorisch geweckten Erwartungen einer zweiten Realität können auch aufgrund technischer Grenzen nicht erfüllt werden. Die bescheidene Grafik ist Dauerthema für Lästereien in Blogs der optisch verwöhnten Gamer-Gemeinde, die sich längst an die weit höheren Grafikstandards virtueller Welten wie „World of Warcraft“ gewöhnt haben. Tatsächlich wirken die Experimente, mit denen in Second Life versucht wird, Wissenschaft der Öffentlichkeit näher zu bringen, dann auch nur theoretisch wirklich beeindruckend. Wenn man etwa liest, dass die US-amerikanische National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) in Second Life Tsunamis simuliert, oder die NASA es jedermann ermöglicht die Mars-Obefläche virtuell zu erkunden, erscheint das zunächst durchaus spektakulär. Doch die Pixelwand, die dann in Second Life dem Avatar entgegenschlägt, ist kaum als Welle zu erkennen (siehe Abbildung oben) und der virtuelle „Mars“ hebt sich durch nicht viel mehr als die braunrote Bodenfarbe vom Rest der NASA-Insel ab. Unklar bleibt dann meist auch der tatsächliche Nutzen solcher Versuche der Wissenschaftspräsentation. Lernen Laien tatsächlich etwas dazu, wenn sie sich ein 3D-Modell eines Nanoteilchens auf der „Nanotechnology Island“ anschauen? Werden solche Angebote überhaupt genutzt?
Kommunikative Möglichkeiten
Und dennoch verweisen viele EnthusiastInnen immer wieder auf das kommunikative Potential der Plattform: WissenschafterInnen können kostensparend und umweltschonend virtuelle Konferenzen abhalten, kollaborativ online an 3D-Objekten arbeiten und im Bereich e-Learning entstehen vollkommen neue Darstellungsmöglichkeiten, die auch bereits durchaus angewendet werden. Dabei wird häufig hervorgehoben, dass Second Life gegenüber den Konkurrenzprodukten den Vorteil einer hohen Verbreitung hat und zudem kostengünstig und technisch relativ unaufwendig ist. Andererseits ergeben sich hieraus auch Nachteile, etwa durch erhebliche Grenzen beim Import von Daten für 3D-Modelle. Welche Möglichkeiten sich bewähren und etablieren, hängt selbstredend nicht nur von der Lösung technischer Probleme ab, sondern auch von ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz. Auch Video-Konferenzen haben das theoretische Potenzial, Meetings in den virtuellen Raum zu verschieben. Dies mag zwar durchaus bisweilen tatsächlich geschehen, von einer Verdrängung realweltlicher Treffen kann jedoch nicht die Rede sein.
Ungewisse Zukunft
Es bleibt abzuwarten, wie sich der Markt virtueller Welten weiter entwickelt. Prognosen lassen sich dabei kaum stellen, denn für Überraschungen wird weiter gesorgt: Sogar Google hat unlängst angekündigt, ihre erst im Sommer mit großen Erwartungen gestartete 3D-Welt „Lively“ bis Jahresende einzustellen. Gleichzeitig sorgt das Projekt „City Space“ aus dem MySpace-Umfeld für Furore: Ein angeblich versehentlich ins Internet geratenes Video der geplanten 3D-Welt zeigt eine spektakuläre, fast fotorealistische Grafik, die in der Blogosphäre einige Aufregung auslöste. Bei aller (positiven wie negativen) Hysterie sollte eines nicht vergessen werden: Virtuelle Welten sind mehr als pubertäre Spielwiesen und zwielichtige Orte für Cybersex. Sie bieten der Wissenschaft potenziell innovative Kommunikationsmöglichkeiten, die auch bereits in meist experimenteller Form verschiedentlich genutzt werden. Unabhängig vom kommerziellen Erfolg virtueller Welten, gilt es, diese als Medium der Wissenschaftskommunikation ernst zu nehmen und weiter im Blick zu behalten.
Weitere Informationen zu Wissenschaft in Second Life finden sich im dazugehörigen Steckbrief, der im Rahmen des Projekts Interactive Science entstanden ist und hier heruntergeladen werden kann: http://epub.oeaw.ac.at/ita/ita-projektberichte/d2-2a52-1.pdf
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